20 Jahre Stiftung Industrie- Alltagskultur

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde unserer Stiftungen! 
lassen Sie mich in diesen Jubiläumsträchtigen Jahren 2009 und 2010, in denen sich eine Reihe schnell aufeinanderfolgender 20. Jahrestage nacheinander mit Mauerfall und Wiedervereinigung verbunden hat, einige Worte zu unserem Jubiläum anschließen,
den 20 Jahren der Stiftung Industrie- und Alltagskultur.

Ich darf kurz zurückschauen: Auch die Stiftung Industrie- und Alltagskultur gehörte zu den im Juni 1990 in  den Turbulenzen um das Ministerium für Kultur der DDR entstandenen Einrichtungen. Sie wurde im Sinne des Stifters – Sie werden anschließend noch davon hören - im September 1990, noch vor der Wiedervereinigung am dem 3. Oktober 1990 errichtet. Sie entstand aus der demokratischen Verfasstheit der neuen Gesetzlichkeit, der Hartnäckigkeit Einzelner, deren kluger Fähigkeit zur Differenzierung und getragen von Handlungsfröhlichkeit und inspirierendem Willen als privatrechtliche gemeinnützige Förderstiftung des bürgerlichen Rechts.

Zweck der Stiftung ist es, um mit der etwas sperrigen Formulierung der Satzung zu sprechen, industrie- und alltagskulturelle Prozesse für die öffentliche Meinungsbildung zu erschließen und in ihren humanisierenden Wirkungen zu fördern. Als einer  der Stiftungszwecke nennt die Satzung dabei die Sammlung Industrielle Gestaltung in Berlin. Demzufolge stand bis heute die eng verflochtene Zusammenarbeit mit der Sammlung Industrielle Gestaltung im Mittelpunkt unserer Arbeit. Wir begleiteten die Sammlung mit orientierenden, fördernden und schützenden Maßnahmen und Handlungen durch wechselnde Trägerschaften. Den Grundstein zur Sammlung hatte bereits der Bauhäusler Mart Stam als damaliger Rektor der Weissensee´r Hochschule zu Beginn der 50er Jahren gelegt. Bis zu seiner Auflösung am 31. Dezember1990 gehörte die Sammlung zum Amt für Industrielle Formgestaltung, das bis 1990 dem Ministerrat der DDR unterstand. Zum Zeitpunkt der Genehmigung der Stiftung 1993 war die Sammlung Industrielle Gestaltung „eine öffentliche Kunstsammlung mit dem Schwerpunkt Industriekultur“ und stellte eine Einrichtung des Landes Berlin im Geschäftsbereich der Senatsverwaltung für kulturelle Angelegenheiten dar. Es erfolgten Angliederungen an das Märkische Museum, die Stiftung Stadtmuseum Berlin, das Deutsche Historische Museum Berlin und mit dem 1. Januar 2005 erfolgte die treuhänderische Übertragung der Sammlung an die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Unsere Stiftung hatte lange Zeit in den Auseinandersetzungen um Eigenständigkeit, Finanzen, Wechsel der Zugehörigkeiten und Ausbau der Sammlung Industrielle Gestaltung eine wesentliche genuine Rolle als Beistand inne. Das mit der Abwicklung des Amtes für Industrielle Formgestaltung befasste Bundeswirtschaftsministerium hatte die Übergabe der Bestände der Sammlung einschließlich Bibliothek und Fotothek an den Rat für Formgebung in Frankfurt am Main verfügt, als erstes sollte der Abtransport der Bibliothek erfolgen. Diese Absicht sowie Begehrlichkeiten anderer Museen, darunter unter anderem des Grassi-Museums, des Museums für Verkehr und Technik und des Zentrums für Industriekultur Nürnberg konnten mithilfe unserer Stiftung erfolgreich abgewiesen werden. In den neunziger Jahren gehörten zu den herausragenden Fördermaßnahmen die Tätigkeit als Mitgesellschafterin in der Kulturbrauerei und die Einmietung der Sammlung auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Weiter die Herausgabe mehrerer Publikationen, die Unterstützung der Ausstellungstätigkeit der Sammlung und  insbesondere die in 6 Bauphasen erfolgte bauliche Sanierung der Museumsräume. Während der damaligen langen umfassenden und schwierigen  Bau- und Sanierungsphasen gab es keine Schließung der Sammlung. Die Bestände wurden nach 1990 um mehr als das Doppelte erweitert, auch durch Ankäufe unserer Stiftung. Medienarbeit wurde geleistet, Veranstaltungen, Fachtagungen und Vorträge fanden statt. Lehrveranstaltungen und zahlreiche bemerkenswerte Ausstellungen wurden unterstützt, wie z. B. „Vom Bauhaus bis Bitterfeld“ mit dem Deutschen Werkbund Frankfurt/Main (1990/91), „Wunderwirtschaft DDR“ (1996-1997), „Chlorodont. Biografie eines deutschen Markenproduktes“ (1997), „Glück im Osten“ (1998), „Horst Geil, Werbegrafik der 50 und 60er Jahre“ (1999), „Clauss Dietel und Lutz Rudolph. Gestaltung ist Kultur“ (2002), "Kontinuität und Wandel - Produktgestaltung aus der Kunsthochschule Berlin"(2003), um nur einige zu nennen. Den entscheidenden Anteil bei der konzeptionellen Begründung und Entfaltung der Museums- und Stiftungstätigkeit hatte dabei Hein Köster, der Initiator der Sammlung und ehemalige Chefredakteur der Designzeitschrift des Ostens „form und zweck“.

 „Hätte er all dies nicht getan und still vor sich hin inventarisiert, gäbe es heute kein Museum“ (Berliner Zeitung). Wesentlich unterstützt wurde er in zurückhaltender darum nicht weniger entscheidender Weise durch unsere Stiftung Industrie- und Alltagskultur und hier insbesondere durch den langjährigen Stiftungsratsvorsitzenden Professor Dietmar Palloks. Beiden sei an dieser Stelle für ihre enorme Leistung und ihr dauerhaftes Engagement gedankt, ein eigenständiges Formgestaltungsmuseums mit Dauerausstellung zur ostdeutschen Designgeschichte verwirklichen zu wollen!

In einer „hochspannenden kulturellen Rettungsaktion“ durch den damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse, die er als Vorsitzender des Stiftungsrates durchsetzen konnte, erfolgte 2005 die Übertragung der Sammlung Industrielle Gestaltung an die Stiftung Haus der Geschichte der BRD nach Bonn und die Verankerung der Sammlung Industrielle Gestaltung im Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung mit dem Ziel „im Erinnern die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft ins Auge zu fassen“ (Zitat Thierse). Im Gedenkstättenkonzeption der Bundesregierung ist die Dauerausstellung festgeschrieben: „… die geplante Dauerausstellung der Sammlung Industrielle Gestaltung in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg, die die Geschichte der Produkt- und Alltagskultur in der DDR nachzeichnet … soll zur kritischen Auseinandersetzung mit dem gegenständlichen Erbe der DDR anregen.“ (Zitat Drucksache Deutscher Bundestag 16/9875). Damit ist die Sammlung unter der Obhut des Hauses der Geschichte der BRD in Bonn endgültig in ruhiges Fahrwasser gekommen. Bis zum Februar 2005, noch vor der verwaltungstechnischen Übertragung der Sammlung nach Bonn, fand die letzte designbezogene Ausstellung statt. Bis dahin haben wir die Arbeit der Sammlung kontinuierlich durch finanzielle und personelle Mitwirkung unterstützen können. Eine Dauerausstellung in der Kulturbrauerei ist nicht vor 2013 geplant. Die Bestände einschließlich Bibliothek und Fotothek sind in ein Depot nach Spandau ausgelagert worden. In diesem Jahr hat die Stiftung Industrie- und Alltagskultur eine öffentliche Podiumsdiskussionen zum Automobildesign und eine zweite Diskussionsveranstaltung, heute, zum Schienenfahrzeugdesign in Kooperation mit der Sammlung Industrielle Gestaltung veranstalten können.

Unser 20-jähriges Jubiläum bietet guten Anlass zu Rückblick, Überblick und Ausblick, sowie dazu die Stiftungsarbeit zu überdenken und neu zu denken. Das werden wir tun. Die Stiftung Industrie- und Alltagskultur verwirklicht ihren Stiftungszweck durch den Erhalt bzw. das Anlegen von Archiven und Sammlungen, das Dokumentieren, Erschließen und Publizieren der Industrie- und Alltagskultur der SBZ/DDR. Wir haben zu Beginn des laufenden Jahres ein Interview-Projekt mit Gestaltern begonnen, Persönlichkeiten, die wesentlich die Designentwicklung Ostdeutschlands mitbestimmt haben. Es werden Archive, Bild- und Tondokumente entstehen. Sie werden von uns hören! 

Prof. Cornelia Hentschel,
Vorsitzende des Stiftungsrates

Prof. Cornelia Hentschel zum 20. Jubiläum der Stiftung Industrie- und Alltagskultur