Heiligendamm


Matthias Schubert
Die Fachschule für gestaltende Technik Wismar, gegr. 1950
– ab 1953 in Heiligendamm –
Direktoren :
Prof. Werner Laux, 1950–1952
Reinhard Schmidt, 1952–1953
Gerhard Präkelt, 1957–1967
Siegfried Stöbe, 1967–1970
Dr. Helmut Rothert, 1970–1972 (k.)
Dr. Joachim Skerl, 1972–1990

Im Jahre 1948 beauftragte die SED- Parteiführung in Berlin den aus dem französisch besetzten Sektor der Stadt in den sowjetisch besetzten Sektor im Osten der Stadt umgezogenen Maler Prof. Werner Laux, im Norden der sowjetisch besetzten Zone (SBZ), d.h. in Mecklenburg-Vorpommern, eine Kunstschule einzurichten. Eine derartige Bildungseinrichtung hatte es bisher in dieser Region noch nicht gegeben. In früherer Zeit hatten sich an künstlerischer Ausbildung Interessierte aus Vorpommern nach Stettin orientiert, wo die Kunstgewerbeschule einen guten Ruf genoss. Wer ein Hochschulstudium anstrebte, ging dazu nach Berlin-Charlottenburg an die Kunstakademie. Mecklenburger gingen entweder auch nach Berlin, nach Hamburg oder nach Kiel, im 19. Jahrhundert nach Kopenhagen.

Laux hatte nach dem Krieg in Berlin-Reinickendorf die „Käthe-Kollwitz-Kunstschule“ gegründet, konnte sie jedoch nur unter primitiven Verhältnissen halten und musste sie wegen politischer Anfeindungen gegen die „Rote Schule“ 1948 wieder aufgeben.

In der SBZ dagegen fand Laux die notwendige materielle und ideelle Unterstützung für sein Vorhaben im Rahmen der demokratischen Neugestaltung des Bildungssystems. Erste Beratungen wurden in Schwerin geführt, wo man die Aufgabenstellung konzipierte und den Vorschlag entwickelte, diese Schule in Putbus auf der Insel Rügen zu etablieren, wo es neben den Resten der Schlossanlage und einem Theater auch von früher her ein ehemaliges Lehrerseminar gab. In den ehemals fürstlichen Gebäuden war bereits eine Schauspielschule untergebracht. War der Grundgedanke des Vorschlags der, hier in der ehemaligen Residenz und in der architektonisch reizvoll gestalteten Kleinstadt die angewandten Künste mit den darstellenden Künsten miteinander zu verbinden? Jedenfalls zog Laux mit mehreren Studierenden voller Hoffnung umgehend nach Putbus. Doch die vor Ort erkannten Schwierigkeiten zwangen zu neuen Überlegungen. Die idyllische Insellage, weitab von den ohnehin nicht zahlreichen Industriestandorten in Mecklenburg, passte nicht zu der ideologischen Vorgabe, daß die Kunst mit der Produktion zusammengeführt werden sollte.

In dieser Situation findet Laux einen kongenialen künstlerischen Kollegen in dem als Umsiedler aus der Slowakei nach Kröpelin gekommenen Keramiker Professor Irmfried Liebscher, der inzwischen die in Kröpelin alte Tradition keramischer Manufaktur (Fa. Fischer) wieder zu beleben sucht.

Mehrere verwaiste Schlösser des Landes sowie verschiedene  andere Orte wurden ihnen vorgeschlagen, von ihnen besichtigt und wieder verworfen, „...bis Ende 1949 in Wismar, der Stadt der Werft und der Arbeit, der gegebene Ort für den Aufbau gefunden wurde.“ Noch 1949 zieht Laux nach Wismar, wo ihm die Stadt bald darauf im Ortsteil Hoben ein Atelierhaus errichtet. Hier in Wismar findet er viel Verständnis für seine Vorstellungen und gewinnt engen Kontakt zur Werft und ihrem Direktor Pennig.

Die Werft überlässt ihm als erstes Domizil für die geplante Fachschule das Gebäude der ehemaligen Schifferkompanie in der Altstadt, Kleine Hohe Straße 14, und stellt im Januar 1950 die spätere Freigabe einiger Gebäudeteile der von der Werft genutzten Anlagen der ehemaligen Infanteriekaserne an der Parkstraße (heute Philipp-Müller-Str.) in Aussicht. Gemeint waren das ehemalige Kammergebäude und das Stallgebäude. Hier sieht Laux „die eigentliche Keimzelle“ der künftigen Fachschule.

Unter diesen Aussichten findet am 2.Februar 1950 in Schwerin im Haus des Kulturbundes am Pfaffenteich die konstituierende Beratung statt:

Es wird beschlossen, unter dem Aufbautitel „Gestaltende Technik – Arbeitsschule für Güte und Form – in Wismar“, mit dem Herbsthalbjahr beginnend, das Kunstinstitut des Landes Mecklenburg durch das Ministerium für Kultur und Volksbildung zu eröffnen.

„Die Schule erstrebt die umfassende Ausbildung und Weiterbildung künstlerisch und technisch befähigter Nachwuchskräfte zu Gestaltungsmeistern und Gestaltungstechnikern. Die Ausbildung erfolgt in den ersten fünf Abteilungen der Schule, denen ihre Aufgaben aus der Textil-, Keramik- und Schmuckindustrie, dem Modell- (Vorbild)-Bau und der Malerei erwachsen.

Die Gestaltungsmeister und Gestaltungstechniker, welche die Schule mit einem staatlichen Diplom verlassen werden, haben die Aufgabe, im Sinne der Wirtschafts- und Kulturplanung der Republik zeitgemäße und bessere Qualität und Formgebung für die vorgenannten Gebiete zu erarbeiten und in den oben angeführten Industrien und Handwerken zu verwirklichen.“

Die Ausbildung sollte zum Gestaltungsmeister 2 bis 4 Halbjahre, zum Gestaltungstechniker 4 bis 6 Halbjahre umfassen. An anderer Stelle lesen wir in dem Gründungsdokument: „Die Schule wird an ihre Schüler ausserordentliche geistige und fachliche Anforderungen stellen.“

Am 12. Februar 1950 konstituierte sich in Wismar ein Beirat für die „Fachschule für gestaltende Technik“, der nun die weitere Aufbauarbeit mit dem Rat der Stadt Wismar, mit der Werftleitung sowie mit anderen gesellschaftlichen Organisationen begleitend koordinierte. Für die Unterbringung der zu erwartenden Studierenden übergab die Werft im Juni 1950 eine Villa in Seebad Wendorf an die Fachschule. Auch im Haus Hohe Str.14 wurde ein Internat eingerichtet.

Als Lehrkräfte wurden in diesen Monaten des Aufbaus gewonnen:
Prof. Irmfried Liebscher, Keramiker
Heinz Dubois, Maler
Hans Buggel, Maler
Helmut Prey, Schmuckgestalter
Günter Schlott, Schmuckgestalter
Katja Witt, Handweberin
Harald Völksch, Textilgestalter
Reinhard Schmidt, Bildhauer
Bernd Haye, Modellbauer

Weitere Lehrkräfte traten ab 1951 hinzu, wie
Hans Schlapmann, Graphiker
Harry Schenkendorf, Kunstschmied
Horst Specht, Innenarchitekt
und weitere, z.T. nebenamtliche Kräfte, u.a.
Martin Müller, Deutsch/Literatur
Franz Willert, Keramik, Chemie
Prof. Firment, Keramik

Es sei hier angemerkt, dass die Gründungsinitiative dadurch günstig gefördert wurde, dass mehrere der Genannten auf Lehrerfahrungen an Kunstgewerbeschulen o.ä. verweisen konnten. (Dubois: Königsberg, Buggel und Schlapmann: Stettin, Liebscher: Modra (Slowakei), Willert: Sternberg.)

Nach Beschaffung von Maschinen, Material und Werkzeugen befasste sich das nun schon bestehende Lehrerkollektiv mit der Erarbeitung von Lehr- und Stoffverteilungsplänen wie mit der Planung für die Einrichtung der künftigen Werkstätten und Ateliers. Diese Vorarbeiten waren im Wesentlichen bis Ende September geschafft.

Direktor Laux, er selbst nannte sich in aller Bescheidenheit nur „Leiter“, hatte inzwischen durch persönliche Besuche in Betrieben wie durch Vermittlung von Behörden und Organisationen junge Menschen für den Besuch der Fachschule interessiert und als Studienbewerber gewonnen. Dabei gab es offenbar manche Hürden zu überwinden, wenn es darum ging, Betriebe zur Freistellung oder Delegierung dieser oder jener Arbeitskraft zu bewegen. Es war gewiss nicht leicht, in dieser Zeit, in der es darum ging, die Produktion überhaupt erst anzukurbeln und quantitative Erfolge abzurechnen, schon so weit vorauszudenken, daß begabte Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen sich in einem dreijährigen Studium dafür qualifizieren sollten, später in ihren Betrieben die Gestaltung der Produkte zu beeinflussen.

Immerhin muß doch das Konzept der Fachschule durch Werner Laux so überzeugend bekannt gemacht worden sein, daß im Oktober eine erste Ausleseprüfung stattfinden konnte, zu der sich etwa 80 Bewerber einfanden. Diese Aufnahmeprüfung bestanden 60 Bewerber, die nun den ersten Jahrgang der Ausbildung bildeten. Am 23. Oktober 1950 konnte die Fachschule feierlich eröffnet werden. Der Unterricht, der sich zunächst auf theoretische Fächer beschränkte, begann am 1. November 1950. Das erste Studienhalbjahr diente somit der Verbesserung der Allgemeinbildung, zugleich aber auch der grundlegenden ästhetischen Erziehung der Studierenden.

Während des Wintersemesters mussten die von der Werft an die Fachschule überlassenen Nebengebäude am Rand des ehemaligen Kasernengeländes für die Zwecke der Fachschule um- und ausgebaut werden.

Nach dem Kriegsende hatte die Besatzungsmacht das seit 1934 von der Deutschen Wehrmacht genutzte Gelände zwischen der Kuhweide und der Parkstraße in die Rechtsträgerschaft der Stadt Wismar zurückgegeben. In der ersten Notzeit waren die Kasernengebäude für die Unterbringung der nach Wismar gekommenen Flüchtenden und Umsiedler genutzt. Schrittweise wurden dann nach Räumung dieser Kasernen die frei werdenden Räume zum Teil für die Zwecke der im Aufbau befindlichen Werft, zum Teil aber auch schon zur Unterbringung von Studierenden der Ingenieurschule für Maschinenbau Wismar vergeben.

Die Fachschule für gestaltende Technik durfte nun 1950 gemäß einem mit der Stadt Wismar geschlossenen Vertrag
„2 Hallen und ein Einzelgebäude aus dem Volkseigentum“ übernehmen. Nutzungsträger dieser Gebäude blieb aber ebenso wie bei der Ingenieurschule die Stadtverwaltung.
Für den Umbau der „...zweigeschossigen Haupthalle von 24 x 40 m“ und eines „Maschinenhauses“ wurden 75.000,- DM geschätzt.
An anderer Stelle sprechen die Akten der Fachschule von einem „ehemaligen Pferdestall und Heuboden“. Zur Zeit der Nutzung durch die Wehrmacht war der Pferdestall mit einer Reit- und Exerzierhalle verbunden. Diese Exerzierhalle war durch die Stadt Wismar bereits 1948 /49 als Ersatz für das im Januar 1948 abgebrannte Theater an der Mecklenburger Straße zum „Theater der Werftstadt“ umgebaut worden und diesem Zweck dient sie bis auf den heutigen Tag.

Die Fachschule hatte also in ihrer Aufbauphase eine durchaus kulturelle Nachbarschaft und unter den damaligen Bedingungen auch die berechtigte Aussicht, im Laufe der Zeit sich in eines der benachbarten Kasernengebäude erweitern zu können. In die gleiche Richtung zielten übrigens die Hoffnungen und Planungen der damaligen Ingenieurschule für Maschinenbau und Elektrotechnik, die im ehemaligen Kasernenkomplex ihre zukünftige Erweiterung sah und ab 1951/52 auch erhielt. Die größten Befugnisse hatte aber die Werft, die sich dann während der 50er Jahre entlang der Lübschen Straße bis an die Wismarbucht ausbreitete und sich schrittweise aus dem Kasernenkomplex zurückzog. Nur das Archiv der Werft blieb noch über Jahrzehnte im Block 19 im Dachgeschoß.

Die Stadtväter Wismars mussten nun versuchen, die unterschiedlichsten Ansprüche und Interessen der verschiedenen kurzzeitigen und langfristigen Nutzer in diesem Bereich miteinander in Einklang zu bringen.

Im Dezember 1950, kurz vor dem Jahresende, kam es nach längeren Verhandlungen zu einem Freundschaftsvertrag, der die Beziehungen zwischen der Schiffswerft, der Ingenieurschule Wismar, der Fachschule, die sich nun schon „Fachschule für angewandte Kunst“ (FAK) nannte, und dem „Haus der Pioniere“ (d.h. der Stadt) regelte. Die vier Vertragspartner schlossen miteinander einen sogenannten „Freundschaftsring“, „...um den bestehenden guten Beziehungen einen festen Rahmen zu geben“.

Die Werft verpflichtete sich gegenüber der FAK zu technischer Hilfe beim Aufbau der Schule, die FAK versprach der Werft Hilfe in kulturpolitischen und gestalterischen Fragen, beim Bau von Modellen, bei der Gestaltung von Lehrgängen für die Werftangehörigen wie auch für die Betriebsberufsschule der Werft. Die Werft stellte dafür ihren Raumgestalter (z.B. H. Specht) als nebenberufliche Lehrkraft zur Verfügung. Es sollten Betriebsbesichtigungen, Erfahrungsaustausche, Produktionsberatungen sowie gemeinsame Sport- und Kulturveranstaltungen vorgesehen werden. Auch die Ingenieurschule für Maschinenbau und Elektrotechnik half mit zwei Gastdozenten.
Der Umbau der genannten ehemaligen Militärgebäude erforderte trotz aller Freundschaft die tatkräftige

Mithilfe aller Studierenden während ihres ersten Semesters. Im Sommersemester 1951 konnte dann mit „...energischer und nun planmäßiger Werkstattarbeit“ begonnen werden. Zum Beginn des zweiten Studienjahres wurde die inzwischen von der Werft geräumte ehemalige Autowerkstatt für die Abteilungen Raum und Gerät, Schmuck und das Sekretariat eingerichtet. Der ehemalige Heuboden über den schon eingerichteten Werkstätten der Plastik-, Textil- und Keramik-Abteilungen wurde zu Ateliers umgebaut. Weil die Maler und Graphiker während des Umbaus im Dach noch keine eigenen Arbeitsräume beziehen konnten, mussten diese vorübergehend in der Stadt im Haus der Kultur untergebracht werden. Die Schmiede fand ihren Platz in einem kleinen separaten Gebäude.
Die noch bestehenden Raumprobleme zwangen dazu, dass anstelle der geplanten Neuzulassung von 60 Schülern am 1. Oktober 1951 nur 25 als 2. Jahrgang das Studium beginnen konnten. Die Gesamtzahl der Studierenden betrug nun 80, davon waren 28 „Mädchen“.
In einem Bericht aus dieser Zeit heißt es:
„...Bei der Überwindung der inneren, organisatorischen und geistigen Schwierigkeiten schaltete sich seit dem Beginn des Jahres 1951 die FDJ ein. Sämtliche Schüler sind gegenwärtig Mitglied der FDJ. Jedoch auch die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, die wenn auch kleine so doch aktive Parteigruppe der NDPD, wie auch der Kulturbund, bilden einen wesentlichen Faktor in der Erziehungsarbeit unserer Schule. Die Hauptlast der Verantwortung trägt allerdings die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands....“
Diese ersten Studierenden gingen ohne Rücksicht auf die alltäglichen Nöte und Entbehrungen dieser frühen Jahre der DDR-Entwicklung mit großem Eifer und Enthusiasmus an ihre Aufgabe, sich darauf vorzubereiten, der Produktion und der Umweltgestaltung eine bessere künstlerische Qualität zu geben.
Die FDJ- Gruppe der Fachschule, sie trug den Namen des Malers Max Lingner, wandte sich mit einem kleinen Werbeprospekt an Studienbewerber und interessierte Jugendliche. Darin hieß es u.a.:
„Die Regierung unserer jungen Republik liebt und fördert uns. Unsere Lehrer sind unsere Freunde. In unseren Hörsälen erwerben wir uns ein starkes Bewusstsein. Unsere Werkstätten bieten uns alle handwerklichen Voraussetzungen. In den Klassen entwickeln wir unsere schöpferischen Fähigkeiten. Auf dieses Fundament baut sich unsere zielbewusste Arbeit auf.“

Zum Bildungs- und Erziehungsziel hieß es:
„Wir erstreben die Erarbeitung einer gesellschaftlich fortschrittlichen gestalterischen Allgemeinbildung, die Beherrschung der handwerklichen und technischen Formelemente und die Klärung der individuellen Voraussetzungen zur Berufung und Aufgabe. Die Entwicklung zum wahren Meister eines Handwerks, zum verantwortungsbewussten Produktionsgestalter, zum Nachwuchskünstler, das sind die Ziele, welche der Fachschule für angewandte Kunst gesetzt wurden.“

Die so programmierte Lehre erfolgte in den Abteilungen:
· Raum und Gerät, Gerätebau, Möbelbau, Ausbau, Modellbau,
· Plastik, Raumplastik und Bauplastik,
· Malerei, Raum und Fläche,
· Grafik und Gebrauchsgrafik,
· Keramik, Gebrauchskeramik, Baukeramik,
· Textil, Gebrauchsgewebe, Technische Gewebe,
· Modegestaltung,
· Schmuck, Gebrauchsschmuck, Gerät und Raumschmuck.
Die Stundentafel sah für jedes Semester 43 Stunden/Woche vor, darin eingeschlossen Gesellschaftswissenschaften, Kunstgeschichte, Literatur (zus. 9 Std.).
Zusätzlich gab es freie Arbeitsgemeinschaften für Politik, Wissenschaften, Musik, Literatur, Puppenspiel, Sport.
Am 1. Januar 1952 wurde die Fachschule wie andere ähnliche Fachschulen der „Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten“ unterstellt, die sich für das weitere Gedeihen der Fachschule einsetzte und die bisherigen Arbeitsergebnisse anerkennend würdigte.
Das dritte Jahr der Fachschule stand aber nicht mehr unter einem so guten Stern.

Bereits im Herbst 1952, nach der Gebietsreform vom Juli, mit der die bisherigen Länder der DDR in 16 Bezirke unterteilt worden waren, zeigten sich neue Probleme. Die von der Fachschule angestrebte räumliche Erweiterung im Kasernenkomplex kam in Kollision mit den im Interesse der Werft in Angriff genommenen Neubauten für die Ingenieurschule, die sich 1952 zur „Fachschule für Schiffbautechnik“ entwickelte und eine wesentliche Vergrößerung ihrer Studienplatzkapazität erhalten sollte. Gleichzeitig meldete das Verteidigungsministerium für die inzwischen gebildete Grenzpolizei Ansprüche auf einen Teil des Kasernenkomplexes an und so entstand eine Art Verdrängungswettkampf, den die Stadt nicht mehr auszugleichen in der Lage war. Das führte schließlich dazu, dass sich die Leitung der FAK dazu veranlasst sah, sich um einen anderen Standort zu bemühen.

Dies bedeutete eine erhebliche Belastung für den mit dem Beginn des Studienjahres 1952/53 eingesetzten Direktor Reinhard Schmidt. Als bisheriger Stellvertreter übernahm er die Aufgaben des Direktors von Werner Laux, der einem Ruf als Rektor an die Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin–Weißensee folgte.

Anfangs schien es so, als ob man ein neues Domizil für die Fachschule in Kröpelin finden könne, was den Intentionen der Keramiker Liebscher und Firment  entsprochen hätte, die dort eine keramische Produktionsstätte in Betrieb gesetzt hatten. Dann aber bot der Rat des Bezirkes Rostock dem Direktor Schmidt an, das leerstehende ehemalige Kinder- Erholungsheim in Heiligendamm als neuen Standort in Betracht zu ziehen. Die Entscheidung fiel sehr bald in diese Richtung. Die in Kröpelin schon begonnenen Vorarbeiten wurden eingestellt und mit aller Kraft der Dozenten und Studierenden der Umzug von Wismar nach Heiligendamm in die Wege geleitet. Man trennte sich ungern von Wismar, aber es gab keine andere Wahl.

Im April 1953 wurden die der Fachschule übergebenen Gebäude gesäubert und instand gesetzt. Ein baufälliges Wirtschaftsgebäude musste abgerissen werden und diente zur Gewinnung von Steinen, die man dringend brauchte für den Bau von Fundamenten, auf denen in Eigenleistung Baracken errichtet werden mussten, in denen man die Ateliers und Werkstätten einrichtete.

Am 17. Juni 1953 standen die Studenten der ersten Matrikel in Wismar in ihrer Abschlussprüfung. Danach entschlossen sich mehrere Absolventen, die ihnen gebotene Möglichkeit zu nutzen, ihr Studium an der Hochschule für Angewandte Kunst in Berlin Weißensee oder an der Kunsthochschule in Dresden fortzusetzen. Allein aus diesem ersten Studienjahrgang (und nicht nur aus diesem!) sind später namhafte Künstlerpersönlichkeiten hervorgegangen, wie die Maler Rudolf Austen, Rolf Möller, Heinz Wodzika, die späteren Professoren Erich John (Weltzeituhr Berlin), Hubert Schiefelbein (HAB Weimar), Innenarchitekt Gustav Adolf Schlettwein (Rostock) u.a.m.

Am 7. Juli war der Umzug von Wismar nach Heiligendamm, in das älteste Seebad Deutschlands, abgeschlossen. Die Sommerferien mussten für den weiteren Aufbau der Fachschule verwendet werden. So begann das neue Studienjahr am 8. September 1953 in Heiligendamm wieder mit schwerer körperlicher Arbeit für die Dozenten und die Studenten, um die notwendigen Restarbeiten zu bewältigen. Am 15.Oktober konnte der Lehrbetrieb planmäßig aufgenommen werden.

Während der 50er Jahre erfolgten mit dem Ziel einer besseren Anpassung an die Bedürfnisse und Forderungen der Industrie mehrfache Strukturveränderungen in der Fachschule. So entstand 1954 eine Abteilung Schiffbau zur Ausbildung von Fachleuten für den Innenausbau von Schiffen, besonders von Passagierschiffen für den sowjetischen Auftraggeber.

Ab 1953 führte die Fachschule die Verlängerung der Studiendauer auf vier Studienjahre ein.
Die Fachschule für angewandte Kunst ist in Heiligendamm in den Folgejahren, besonders unter der langjährigen Direktion von Prof. Dr. Joachim Skerl, zu einer für den Bezirk Rostock wie für Mecklenburg- Vorpommern und weit darüber hinaus zu einer wichtigen kulturellen Einrichtung geworden. Im System der Hoch- und Fachschulen der DDR war sie zwar wegen der durch den baulichen Rahmen begrenzten Kapazität mit ihren ca. 120 bis 150 Studierenden und mit ihren etwa 20 bis 26 Lehrkräften eine nicht große, aber wegen ihrer Leistungen hoch anerkannte Bildungseinrichtung geworden, die sich über fünf Jahrzehnte behaupten konnte. Die Abteilung Keramik entwickelte sich 1955 unter der Leitung von Doris Grafe zur Baukeramik, während die bisher gepflegte Gefäßkeramik auf höhere Weisung nach Leipzig bzw. Sonneberg verlegt werden mußte.

Von der anfangs praktizierten Vielfalt der Lehrfachangebote wurden im Laufe der Jahre auf höhere Weisungen das eine um das andere Fach „wegrationalisiert“. So wurde die Abteilung Textilgestaltung von Heiligendamm nach Berlin und Schneeberg und die Abt. Kunstschmiede an die FAK Magdeburg verlegt, die Abteilung Plastik dagegen vollständig aufgelöst. Für Mecklenburg bedeutete das immer wieder einen Verlust an künstlerischem Potential.
Es fand auch hier wie bei den Ingenieurschulen das verhängnisvolle Drängen der Politik nach „Spezialisierung“ seine Auswirkungen. Die Angehörigen der ersten Studienjahrgänge haben dagegen stets besonders lobend hervorgehoben, dass sie in ihrer Ausbildung den benachbarten Künsten etwas „abgucken“ konnten. An der FAK in Wismar konnte man noch die Kunst als Ganzes in ihrer Vielfalt „begreifen“ und erfassen.
Mit dem Studienjahr 1969/70, in dem die Ingenieurhochschulen geschaffen wurden, war auch an der FAK Heiligendamm ein Wandel eingeleitet worden, indem sich unter der Leitung von Johannes Großmann aus der Abteilung Dekorative Malerei die neue Abteilung Farb- und Oberflächengestaltung einschließlich Baukeramik entwickelte, für deren Absolventen dann die Berufsbezeichnung „Ingenieur für Farb-und Oberflächengestaltung“ eingeführt wurde. Während der 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts war das Studium an der FAK unter der Direktion von Direktor Prof. Dr. Joachim Skerl in fünf Abteilungen gegliedert:
· Abt. Grundlagenstudium, Abteilungsleiter: FS-Dozent Rolf Czerwinski
· Abt. Gesellschaftswissenschaften, Abteilungsleiter: FS-Dozent Dr. Strehl
· Abt. Raumgestaltung,Innenarchitektur, Abteilungsleiter: FS-Dozent Wolfgang Becker
· Abt. Farb- u. Oberflächengestaltung, Abteilungsleiter: FS-Dozent Joh. Großmann
· Abt. Produktgestaltung,  Abteilungsleiter: FS-Dozent Günter Börner
· Fachbereich Schmuckgestaltung, Abteilungsleiter: Dr. Erhard Brepohl  

Leider waren die Voraussetzungen nicht gegeben, die FAK ebenso wie die Ingenieurschule in Wismar im Jahre 1969 in den Rang einer Fach- oder Ingenieurhochschule zu erheben. Sie hätte schon damals gut in die Ingenieurhochschule Wismar hineingepasst, die immer bestrebt war, der Kultur einen hohen Stellenwert neben den Technikwissenschaften einzuräumen.

Schon 1974 enthielt eine Studie zur Entwicklung der IH Wismar den Vorschlag, die FAK Heiligendamm in die IH Wismar zu integrieren. Wäre da nicht die Unterstellung unter zwei verschiedene Ministerien gewesen, dann hätte die IH Wismar schon damals die FAK von Heiligendamm zurück geholt und somit die technischen nicht nur mit den ökonomischen Wissenschaften, sondern auch mit den Künsten unter einem Dach vereint, so wie es bei der Gründung der Ingenieur-Akademie Wismar von ihrem Gründer Robert Schmidt im Jahre 1908 vorgesehen war. Was 1992 möglich wurde, hätte genauso gut schon 1968 oder 1970 realisiert werden können. Was dagegen sprach, waren drei banale Dinge:
· Schwierigkeiten in der Kooperation von zwei sozialistischen Ministerien in Berlin,
· Probleme der räumlichen Unterbringung, welche die vorläufige Beibehaltung der örtlichen Trennung auf zwei Standorten erfordert hätte.
· Die Unkenntnis der Geschichte der früheren Ingenieur - Akademie - Wismar mit ihrem umfassenden polytechnischen Bildungsprogramm.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Fachschule für angewandte Kunst Heiligendamm nach einigen vorangegangenen Fehlentscheidungen der Landesregierung über die Zukunft der hier als Lehrkräfte und als Studierende der angewandten Kunst erfolgreich arbeitenden Personen und ihrer Institution im Jahre 1991 in den Status einer Fachhochschule erhoben. Ein Jahr später wurde entsprechend einer Empfehlung des Wissenschaftsrates der BRD  der Rest der ehemaligen Fachschule für angewandte Kunst Heiligendamm unter der Leitung des Gründungsdekans, des Innenarchitekten Prof. Hans Meyer, in die nach der Schließung der Technischen Hochschule Wismar 1992 neu geschaffene Hochschule Wismar eingefügt. Als Fachbereich Design/ Innenarchitektur konnten die „angewandten Künste“ gemeinsam mit dem Fachbereich Architektur im Jahr 2000 in die am Rande des Hochschulcampus mit Blick über die Kuhweide auf die Silhouette der Altstadt von Wismar errichteten Neubauten mit Ateliers, Hörsaal und Werkstätten einziehen.

Damit ist dieser Bereich der angewandten Künste nach fünf Jahrzehnten an den Ort seiner Gründung zurückgekehrt. Die möglicherweise ohne wissenschaftliche Begründung aus rein pragmatischen Überlegungen erfolgte Integration dieses Fachbereiches in die Hochschule Wismar ist nun aber schon deswegen eine sehr zu begrüßende Entscheidung gewesen, weil sie letztendlich die Erfüllung des Vermächtnisses des Begründers der Ingenieurausbildung in Wismar ist. Als der Architekt Robert Schmidt im Mai 1908 im Einvernehmen mit dem Rat der Stadt Wismar seine Ingenieur- Akademie Wismar gründete, hatte er es im Lehrprogramm dieser polytechnischen höheren Lehranstalt bereits vorgesehen, zu gegebener Zeit der Ausbildung von Architekten und Ingenieuren auch eine Abteilung zur Ausbildung in den Fachgebieten des „Kunstgewerbes“ hinzuzufügen. Zwischen diesem Beschluss und seiner Vollendung lagen immerhin „nur“ 96 Jahre und das dürfte Grund genug sein, dieses Ereignis anlässlich der nun 100 Jahre umfassenden Tradition der Ingenieurausbildung in Wismar gebührend zu würdigen.

Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Geschichte der Fachschule für angewandte Kunst Heiligendamm kompetent und in ihrem vollen Umfang aufgearbeitet doch noch vielleicht zu einem späteren Jubiläum vorgelegt werden würde. 
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Auszug aus Matthias Schubert (Autor), Reno Stutz (Autor), Hochschule Wismar Rektor (Hrsg.): Zur Geschichte des Studiums in Wismar: 100 Jahre – Von der Ingenieur-Akademie Wismar zur Hochschule Wismar, Wismar 2008.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Professor Matthias Schubert