Foto: Bildmaterial Dieter von Amende


Zum Interview mit Dieter von Amende


Dieter von Amende
Geboren am 22.04.39 in Pernau (= Pärnu), Seebad und Hafenstadt an der estnischen Ostseeküste, als Sohn eines Kaufmanns und einer Pianistin

Die Familien meiner Vorfahren lebten seit 200 Jahren als Deutsche in Estland und mussten infolge des geheimen Hitler-Stalin-Paktes im Oktober 1939 innerhalb von Tagen das Land verlassen – also noch bevor Hitler die Sowjetunion überfallen hatte.

Grund- und Oberschule mit Abitur in Königsee und Greiz in Thüringen

Lehre zum Technischen Zeichner im Maschinenbau in Plauen im Vogtland

Gerade noch rechtzeitig für die Aufnahmeprüfung erfuhr ich vom Beruf des Designers und mir wurde sofort klar, dass genau so etwas ich immer schon werden wollte.

1960 – 1965 Studium in der Fachrichtung Technische Formgestaltung an der Hochschule für industrielle Formgestaltung, Halle, Burg Giebichenstein, Diplom mit Auszeichnung, Thema des theoretischen Teils: Erscheinungsformen des Kitsches an technischen Erzeugnissen, Thema des praktischen Teils: Gestaltung eines Mobildrehkranes (s. ’form+zweck’ 1’66 und Literaturhinweis zum Stichwort ’Gestaltung’ des fünfbändigen ’Lexikon der Kunst’ des Seemann-Verlags, Leipzig 1971)

In damals Karl-Marx-Stadt hatte der Architekt Klaus Kaufmann das erste Industrieatelier für einen Industriezweig, im Wissenschaftlich-Technischen Zentrum der VVB Datenverarbeitungs- und Büromaschinen, aufgebaut.
In der aufstrebenden Computerbranche gab es damals viel zu tun, doch Herrn Kaufmann wurden keine weiteren Planstellen zugestanden. Er war aber auf mich aufmerksam geworden und buchte unbefristet meine gesamte Kapazität.
So wurde ich vom Studium weg zum ersten diplomierten, freischaffenden Designer des Bezirkes Halle.

Da ich durch Publikationen (besonders in ’form+zweck’) und Ausstellungsbeteiligungen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, erhielt ich Gestaltungsaufträge aus verschiedensten Branchen, die ich allein oder mit befreundeten Kollegen durchführte.

1968 forderten Clauss Dietel und Lutz Rudolph, die sich bereits besonders mit den ’heliradios’ einen Namen gemacht hatten, mich auf, sich ihnen anzuschließen. So bildeten wir ein Dreieck Karl-Marx-Stadt / Berlin / Halle, durften uns jedoch nicht offiziell zusammenschließen.
Wir traten daher zwar unter einem gemeinsamen Logo und der Wortmarke ’kollektiv 3f’ auf, blieben aber vor dem Finanzamt drei Einzelpersonen.

Ende der 60er Jahre wuchs in der DDR der Unmut über Verhaltensweisen der Berufsverbands-leitungen. Als die Verbandswahlen anstanden, wurden daher von der Verbandsleitung überraschenderweise für alle Sektionen junge, parteilose Mitglieder vorgeschlagen und gewählt.
So kam auch ich in das siebenköpfige Gremium der Sektion Kunsthandwerk und Formgestaltung im Bezirk Halle des VBK/DDR.
Bei den nächsten Wahlen 1974 setzten wir erstmals freie und geheime Wahlen durch, wobei ich wieder zum Sektionsvorsitzenden gewählt wurde.

Besonders durch die Bestrebungen des AiF verschlechterten sich jedoch die Arbeits-möglichkeiten für Freiberufler und die Qualität der Ergebisse für die Industrie rapide und dramatisch.
Staatssekretär Martin Kelm untersagte der Industrie per eigens erlassener Gesetze, mit Freiberuflern zusammenzuarbeiten und zwang die Industrie, Projekte zu eigenen Bedingungen ausschließlich durch Filialen des AiF bearbeiten zu lassen.
Andererseits kam eine Anstellung in einer dieser Filialen als Nichtparteimitglied nicht in Betracht.
Meine damalige Frau verlor ihre Anstellung als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule nach der Republikflucht ihres Bruders – ebenfalls eines Designers.

Wir sahen uns daher gezwungen, noch im Jahr 1974 ebenfalls die DDR zu verlassen.

In diesem Jahr erwarb der italienische Fiat-Konzern von Klöckner-Humbolt-Deutz die Ulmer Firma Magirus und bildete unter dem Namen IVECO Europas zweitgrößten Nutzfahrzeugproduzenten.
Das IVECO Design Center wurde gegründet und dem Standort Ulm zugeordnet.
Die ersten sechs Jahre war ich am Aufbau dieses Zentrums und den Fahrzeugentwicklungen des Konzerns beteiligt, bis ich mich1981 wieder selbständig machte.

Mit dem Amerikaner Peter Hasnay wurden daraufhin zunächst unter der Bezeichnung DCC (Design Concepts Collaborative) über fünf Jahre diverse Projekte realisiert, u. a. das eines schweren Gelände-Lkw, der 1983 auf der IAA in Frankfurt / Main vorgestellt wurde.
Dieses Objekt war auch Bestandteil der Ausstellung ’Vorausdenken für den Menschen’ des Rates für Formgebung, Darmstadt, die 1984 in Ostberlin und 1985 in Leipzig gezeigt wurde.

In der Folgezeit arbeitete ich für verschiedenste Auftraggeber, wobei sich die Medizintechnik für Firmen in Europa und Ostasien zu einem Schwerpunkt entwickelte.

Je nach Umfang der Projekte kooperierte ich oft mit befreundeten Büros (besonders IDEA In Ölbronn-Dürrn) und anderen Spezialisten.

Nach der Wende setzte ’3f’ nahtlos seine Zusammenarbeit wieder fort. Es wurden besonders Projekte der Deutschen Bahn und anderer Fahrzeugbauer bearbeitet.

In der DDR und in den USA nahm ich kurzfristige Lehraufträge wahr.

Neben verschiedensten Auszeichnungen erhielt ich als maßgebender Gestalter eines OP-Tisches den Bundespreis Produktgestaltung 1996.

Ich habe in zweiter Ehe eine Tochter.

p.s.:
1978 erschien im DuMont-Verlag Köln ’Die Geschichte des Design in Deutschland von 1890 bis heute’ von Gert Selle. Wie auch in anderen einschlägigen Werken (z.B. ’Design-Lexikon Deutschland’, DuMont 2000) wurde der Bereich des DDR-Designs nur ganz kurz gestreift. Als einziges Bildbeispiel wurde das Modell einer Straßenwalze von Dieter von Amende und Horst Jammermann aufgenommen – allerdings nur in der ersten Auflage. Einige bundesdeutsche Designfunktionäre und –autoren pflegten rege Kontakte mit den AiF-Oberen.

Autor: Dieter von Amende