Weltzeituhr Berliner Alexanderplatz, Modell und Realisierung, 1968


Als Treffpunkt Uraltberlinern wohl bekannt, stand noch am Anfang des 20. Jahrhunderts eine „Urania-Säule” auf dem Alexanderplatz. Urania – die Muse der Sternenkunde – hatte dem runden Werbeträger der Uhrenfabrik „Urania“, bestückt mit einer großen Normaluhr, den Namen gegeben. Beim Wiederaufbau des Alexanderplatzes in den 60er Jahren kam der Gedanke auf, nahezu an gleicher Stelle wieder eine Urania-Säule als Treffpunkt und Sinnbild moderer Wissenschaft und Technik zu errichten. Die Auswertung des so ausgeschriebenen Wettbewerbs im Sommer 68 rückte meinen Entwurf einer Weltzeituhr in den Mittelpunkt. Mein Entwurf ersetzt den Stundenzeiger durch einen Stundenring, gekennzeichnet durch die Farben des Goetheschen Farbkreises, durch die 24 Zeitzonen wandern lässt. Die Tafeln der Zeitzonen ermöglichen die schriftliche Darstellung von mehr als 150 Orten im Erdkreis. Das darüber kreisende Planetensystem lässt unseren Zeitbezug zu dem Geschehen im Weltraum deutlich werden, fungiert hier mit dem durch einen Ring gekennzeichneten Saturn aber als Minutenzeitgeber. Eine Umdrehung – eine Minute.

Ich erhielt den Auftrag, den Entwurf in Form eines Modells zu konkretisieren. Diese erregte dann auf der Berliner Kunstaustellung „Architektur und Bildene Kunst” im August 1968 reges Interesse. Befragt, ob ich den Entwurf realisieren könnte, machte ich die Erteilung einer Sondergenehmigung zur Beschaffung von Material und zur Bildung von „Feierabendbrigaden“ zur Bedingung. Die Realisierung dieses zehn Meter hohen und in der Gestaltung sehr komplexen Objektes wäre unter den herrschenden Bedingungen der Planwirtschaft der DDR unmöglich gewesen. Diese Sondergenehmigung, versehen mit „bedeutenden” Unterschriften, wurde mir dann erteilt. Insgesamt waren während des neunmonatigen Baus 129 Kollegen meistens nach Feierabend tätig. Die Bauleitung, Materialbeschaffung und Logistik fielen mir zu. Es wurde die unter den bestehenden Umständen gewagteste Unternehmung meines Lebens.
Die Schlüsselübergabe erfolgte, verbunden mit einem Fest und gegenseitigem Schulterklopfen, am 30. September 1969 an den Oberbürgermeister, Herrn Fechner. Am 30. September 2009 zeigt die Weltzeituhr auf dem Berliner Alex bereits 40 Jahre an, was die Sunde in die Welt geschlagen hat. Wie von Anfang an vorgesehen, wurden Namens-Tafeln ausgetauscht, weil sich die Welt inzwischen verändert hat. Sie ist für die Berliner und ihre Gäste immer ein beliebter Treffpunkt und ein Symbol der Weltoffenheit unserer Stadt, auch zur Zeit der Mauer, gewesen und geblieben. Es wäre zu wünschen, dass sie noch recht lange in ihrem ursprünglichen Zustand erhalten bleibt.
Erich John, 2009